Deutschland steht vor einer energiepolitischen Realität, die lange verdrängt wurde. Der vollständige Ausstieg aus der Kernenergie, politisch motiviert und gesellschaftlich populär, erfolgte unter der stillschweigenden Annahme, dass russisches Erdgas dauerhaft, günstig und zuverlässig verfügbar bleiben würde. Diese Annahme hat sich als strategischer Fehler erwiesen.
Mit der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines brach nicht nur eine Lieferroute weg, sondern ein zentrales Element der deutschen Energiearchitektur: planbare, grundlastfähige Versorgung. Gleichzeitig war der Ausbau erneuerbarer Energien weder technisch noch infrastrukturell so weit fortgeschritten, dass er diese Lücke hätte schließen können. Aus systemischer Sicht fehlte damit Redundanz – ein grundlegender Konstruktionsfehler.
Die Folgen sind deutlich spürbar. Deutschland wurde vom stabilen Abnehmer zum kurzfristigen Preisnehmer auf den globalen Gasmärkten. Flüssiggas musste zu hohen Spotpreisen beschafft werden, Kohlekraftwerke wurden reaktiviert, und Haushalte wie Industrie sahen sich mit steigenden Kosten konfrontiert. Städte wie Köln oder Leipzig wurden zum Symbol dieser neuen Verwundbarkeit: Wärmeversorgung ist zwar gesichert, aber zu einem politischen und sozialen Preis.
Die offizielle Antwort lautete Sparappelle, staatliche Hilfen und die Hoffnung, dass Engpässe ausbleiben. Das mag kurzfristig funktionieren, ersetzt aber keine belastbare Strategie. Ein Industrieland kann seine Energieversorgung nicht dauerhaft auf moralische Appelle und günstige Wetterbedingungen stützen.
Im Kern offenbart sich ein tiefer Widerspruch: Deutschland möchte gleichzeitig klimafreundlich, industriell wettbewerbsfähig, geopolitisch unabhängig und sozial stabil sein. Der gleichzeitige Ausstieg aus Kernenergie bei umfassender Elektrifizierung von Verkehr, Heizung und Industrie macht diese Ziele jedoch schwer vereinbar.
Andere Länder – allen voran Frankreich – haben eine andere Entscheidung getroffen und profitieren heute von exportfähiger, CO₂-armer Grundlast. Deutschland hingegen zahlt den Preis einer schlecht getimten Abfolge politischer Entscheidungen.
Die eigentliche Lehre ist nüchtern: Nicht der Winter ist das Problem, sondern eine Energiepolitik, die bewährte Säulen entfernt hat, bevor tragfähige Alternativen bereitstanden.




Leave a comment